Donnerstag, 14. Juli 2011

Krankenhaus verschwand komplett aus dem Stadtbild - Vor 35 Jahren wurde das Diakonissenhaus abgerissen

Diesen imposanten Blick hatte man im Sommer 1976 an der Pferdebachstraße vom Eingangsbereich des Altbaus zum inzwischen bezogenen Neubau, der scheinbar wie „ein Phoenix aus der Asche“ ent-standen war. (Foto: DWR-Archiv)
Diesen imposanten Blick hatte man im Sommer 1976 an der Pferdebachstraße vom Eingangsbereich des Altbaus zum inzwischen bezogenen Neubau, der scheinbar wie „ein Phoenix aus der Asche“ ent-standen war. (Foto: DWR-Archiv)
Es sah aus wie im Krieg – als hätte eine Bombe eingeschlagen. Doch es waren nur Bagger mit Schaufeln und Abrissbirnen gewesen, die im Sommer 1976 eine ganz markante lange Häuserfront in der Wittener Innenstadt eingerissen hatten. Man konnte in Ruinen-Zimmer hineinschauen und sogar durchschauen, erblickte offene Treppenhäuser und abgedeckte Dächer. Und plötzlich lagen neben der Pferdebachstraße Berge von Schutt und Geröll, wurden abgetragen und das Diakonissenhaus war weg!
Ähnlich wie das Wasserschlösschen auf der Egge neben dem Helenenberg (abgerissen 1959) gehörte das „Diakonissenhaus für die Graf-schaft Mark und das Siegerland“ an der Pferdebachstraße zum Stadt-bild der Ruhrstadt. Jeder kannte es, jeder war mal rein- und wieder rausgegangen. Es war ein bekanntes Gebäude so wie eine Volksschule, so wie der Hauptbahnhof oder das Rathaus.

Wenn man von der Feldstraße (später: Diakonissenstraße) auf das Ensemble mit dem Auto zufuhr, erblickte man seine lange Front, die in einem weiten Winkel nach links abknickte und kaum sichtbar weiter führte. Rechts endete die Front mit der Mutterhauskirche. Das komplette Anwesen war von einer hohen Mauer umgeben. Als 1973 Krankenschwestern von den Philippinen zum Arbeiten nach Witten kamen, erschien ihnen das große, dunkle Gebäude zunächst wie ein Schloss.

Im Zweiten Weltkrieg war die Einrichtung am 19. März 1945 durch Fliegerbomben der Alliierten zu 90 % zerstört worden. Auf den Grundmauern wurde das Haus fünf Jahre lang wieder aufgebaut und 1950 wiedereröffnet. Schon 1959 war klar, dass ein Neubau her musste, 1969 waren die Pläne schlussendlich konzipiert. Der erste Spatenstich fand dann 1972 statt. Vier Jahre lang wurde Tag und Nacht an dem Hochhaus gebaut.

Günter Gersie, der damalige Verwaltungsdirektor (1963 bis 1995), schrieb 1976 in den Hausmitteilungen „Der Samariter“: „Die Monate Juni/Juli/August 1976 werden zweifellos in die Annalen des Diakoniewerkes Ruhr als Monate mit wichtigen einschneidenden Ereignissen eingehen. Nicht nur, dass im Juni 1976 der Krankenhaus-neubau eingeweiht und bezogen wurde. Innerhalb von vier Wochen wurde im Juli/August 1976 das abgerissen, was in der Krankenhaus- und Mutterhausgeschichte im Laufe von über 100 Jahren erbaut wurde: Der Krankenhausaltbau mit der Mutterhauskirche, das Wirtschafts- und Küchengebäude und die ehemalige Zentralwäscherei.“

„Die ereignisreichen Wochen begannen offiziell am 11. Juni 1976 mit der feierlichen Einweihung des neuen Krankenhauses“, so Gersie weiter. „Am Tag nach der Einweihung hatte die Wittener Bevölkerung sodann Gelegenheit, sich das neue Haus im Rahmen des ‚Hauses der offenen Tür‘ anzusehen. Die Wittener machten von dieser Möglichkeit, einen ersten Eindruck zu bekommen, reichlich Gebrauch. Es wurde geschätzt, dass wenigstens 5000 bis 6000 Menschen in der Zeit von 14 bis 18 Uhr durch das Haus wanderten.“ Der eigentliche Patienten-Umzug am 15. Juni klappte dank einer guten organisatorischen Vorbereitung zusammen mit der Wittener Feuerwehr und dem Roten Kreuz besser und schneller als erwartet.

Ein paar Tage später begannen dann die Aufräum-Arbeiten im Altbau, bis er leer geräumt war, und die oben beschriebenen Abrissarbeiten konnten starten. Sie dauerten gut vier Wochen. In etwa 4000 LKW-Ladungen wurden rund 30.000 Kubikmetern Schutt in eine große Grube in Bochum-Langendreer abgefahren. Das blieb von den circa 90.000 Kubikmetern umbauten Raum der alten Gebäude übrig!

Als dann alles abgetragen war, war für Autofahrer und Fußgänger der Blick frei auf das neue Evangelische Krankenhaus. Der Klinik-Neubau präsentierte sich in folgenden Maßen: das Hochhaus (Bettentrakt) mit 119 m lang, 16,16 m breit und 30 m hoch, der Behandlungsbau (Funktionstrakt) mit 45,42 m lang und 66,01 m breit. Das entspricht 95.300 Kubikmetern umbauten Raum und 24.2007,70 Quadratmetern Nutzfläche.

Viele Diakonissen und Mitarbeiter bedauerten, dass auch „ihre“ Mutterhauskirche dem Neubau hatte weichen müssen. Anstelle dessen baute die Diakoniegemeinschaft zusammen mit dem Martineum das Lukas-Zentrum, das 1977 neben dem Mutterhaus eröffnet wurde und als „Nachfolge-Kirche“ das geistliche und geistige Zentrum der beiden Gemeinschaften wurde.

An die alte Kirche parallel zur Pferdebachstraße erinnert auch nach 35 Jahren immer noch der Glockenhügel vor dem „EvK“. Die drei Glocken heißen „Glaube, Liebe, Hoffnung“ – gegossen 1947 vom Bochumer Verein. Bis 1972 läuteten sie im Turm der Mutterhauskirche. Heute sind sie stumme Zeugen einer längst vergangenen diakonischen Epoche.

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