Donnerstag, 20. Mai 2010

Ein Zeitzeuge, der viel vom Krieg erzählen kann - Ferdinand Lammert zu Gast bei Wittener Altenpflegeschülern

Der Bochumer Rentner Ferdinand Lammert war zu Gast im Erzählcafé des Fachseminars für Altenpflege in Witten, das in diesem Jahr 40 Jahre alt wird. Mit Eloquenz und Humor antwortete er auf die Fragen von Dozent Michael Winkler (rechts) und von den Schülern. (Foto: JMG/Diakonie Ruhr)

Der Bochumer Rentner Ferdinand Lammert war zu Gast im Erzählcafé des Fachseminars für Altenpflege in Witten, das in diesem Jahr 40 Jahre alt wird. Mit Eloquenz und Humor antwortete er auf die Fragen von Dozent Michael Winkler (rechts) und von den Schülern. (Foto: JMG/Diakonie Ruhr)



„Da hat meine Mutter ganz schön gestaunt, als der kleine Ferdi plötzlich in der Tür stand. Und dann sogar noch ohne Uniform.“ Ferdinand Lammert ist ein Zeitzeuge. Ein Zeitzeuge, der die Kristallnacht, den Überfall auf Polen, den Krieg an drei Fronten und das Kriegsende in Bochum miterlebt hat. Der rüstige Rentner ist 88 Jahre alt und erzählt gerne, wie es damals war im vierten Jahrzehnt in Deutschland.

Da das Kriegsende mit Kapitulation (oder wenn man will: mit Befreiung) am 8. Mai 65 Jahre her war, lud das Fachseminar für Altenpflege in Witten ihn am 20. Mai (drei Tage vor dem Tag des Grundgesetzes) in die Nachbarstadt ein, damit Lammert Zeugnis über Schrecken und Schreckensherrschaft, Todesangst und Glück im Unglück, Hoffnung und Willenskraft eines 20-Jährigen jungen Mannes aus dem Ruhrgebiet abgeben konnte.

Der Ausbildungskurs 10/08 hatte das Erzählcafé im Fach „Biografisches Erzählen“ mit viele Engagement vorbereitet und Dokumente und Referate zur Zeitgeschichte zusammengetragen – lobenswerterweise mit Unterstützung des Stadtarchivs Witten. Neben Lammert waren auch die beiden Diakonissen Otti Ortmann (98 Jahre, in Langendreer geboren) und Käthe Gruß (83 Jahre, in Dortmund geboren) ebenfalls als Zeitzeugen geladen.

Ziel des biografischen Arbeitens in der Altenpflege ist es, eine ganzheitliche Pflege zu ermöglichen. Dabei sammeln die Fachkräfte vor dem Einzug eines Bewohners Daten aus seinem Leben sowie Informationen zu den zeitgeschichtlichen Hintergründen, um optimal auf seine Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben eingehen zu können. Und schreiben die Biografie als Prozess ständig fort.

Ferdinand Lammert, der in Grumme das Bäckerhandwerk lernte, hatte im April 1945 richtig „Schwein“. Seine Einheit war in Thüringen beim „siegreichen Rückzug“ der Wehrmacht zwischen die Fronten geraten: Sechs Kilometer nach Osten standen die Russen, drei Kilometer nach Westen standen die Amerikaner. Weil er auf einen Kameraden warten musste (der allerdings nicht kam), war der Soldat einige Zeit alleine. Kurzerhand zog er seine Uniform aus und lief ins nächste Dorf.

Dort klopfte er sofort an einer Backstube an und fragte: „Können Sie mich gebrauchen? Ich bin aus Bochum evakuiert worden und bin gelernter Bäcker.“ Mit Kusshand wurde er genommen. Vier Wochen später ergatterte er eine Mitfahrgelegenheit auf einem Lastwagen Richtung Westen, die ihn schließlich nach mehreren Zwischenstationen und glücklichen Zufällen bis fast vor die Tür seines Elternhauses in Bochum führte.

„Aber wie war das denn am Anfang der Nazi-Herrschaft – noch vor Kriegsbeginn?“, wollen die zukünftigen Altenpfleger von dem Senior wissen. „Wer nicht mitmachte, bekam Probleme“, erinnert sich Ferdinand Lammert an die Willkürherrschaft der Nationalsozialisten. „Man konnte sich nirgendwo beschweren.“ Heute findet er es unvorstellbar, dass man von der Verfolgung der Juden nichts mitbekommen habe. „Später haben wir erfahren, dass die SA am 9. November 1938 eine Einberufung bekam, aber keiner wusste, wofür. Bei dem Treffen hieß es dann: Steckt die Synagoge in Brand.“ Schon am Tag nach der Reichspogromnacht sei der größte Teil der Juden verschwunden gewesen – entweder deportiert oder geflüchtet.

Wann das Leben wieder normaler wurde, wollen die Altenpflegeschüler dann von ihren Gesprächspartnern wissen. „Erst ab 1950“, sagt Ferdinand Lammert. Dann seien die letzten Lebensmittelmarken abgeschafft worden. Vor der Bäckerei hätten sich in Zeiten der Rationierung endlose Schlangen gebildet, und die Mühle in Witten habe nur Maismehl geliefert. „Es gab Maisbrot mit Möhrenmarmelade“, erinnert sich Käthe Gruß emotionslos an die entbehrungsreiche Zeit. Natürlich hatte der Bäcker Lammert diese bis dato unbekannten Geschmacksrichtungen auch gebacken…

Wie sein Leben weiterging? Mit Elan und Schaffenskraft und natürlich mit viel Humor – wie viele Bochumer wissen. Seine Ämter und Aufgaben gingen schnell übers Brötchenbacken hinaus: Er war Präsident des Elferrats vom Karnevalsverein Konstantia, Obermeister der Bäckerinnung, Direktor des Verkehrsvereins, CDU-Ratsmitglied, Aufsichtsratsvorsitzender der Volksbank und und und. Ach ja, Ferdinand Lammert ist auch Vater von sieben Kindern. Und auf alle ist der Witwer gleich stolz. Sein ältester Sohn ist übrigens Dr. Norbert Lammert, der Bundestagspräsident der Bundesrepublik Deutschland.

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