Freitag, 9. Januar 2009

40 Jahre Seelsorger für behinderte Menschen aus Witten - Heinz Riedesel engagiert sich ehrenamtlich auch als Pensionär

Mit der Bilblica Hebraica in seinem Arbeitszimmer in Witten-Bommern: Pfarrer i. R. Heinz Riedesel. (Foto: Barbara Zabka)

Mit der Bilblica Hebraica in seinem Arbeitszimmer in Witten-Bommern: Pfarrer i. R. Heinz Riedesel. (Foto: Barbara Zabka)



40 Jahre sind eine lange Zeit. Menschen heiraten, Kinder werden geboren. Diese heiraten auch irgendwann, Enkelkinder werden geboren. Mauern werden niedergerissen, Postleitzahlen werden fünfstellig, und neue Währungen werden eingeführt. 40 Jahre sind eigentlich eine sehr lange Zeit! Seit 1968 betreut Pastor Heinz Riedesel in Witten bei der Lebenshilfe der Ruhrstadt Menschen mit Behinderungen. Michael Winkler sprach mit dem Ruheständler, der inzwischen 78 Jahre alt ist.

Wie kamen Sie dazu, im Jahr 1968 die Seelsorge für Menschen mit Behinderungen im Auftrag der evangelischen Kirche zu beginnen, denn vorher gab es in Witten so etwas noch nicht.


    Als die Tagestätte der Lebenshilfe Witten in einem Gebäude auf dem Helenenberg eingerichtet wurde, habe ich in Vertretung des zuständigen Gemeindepfarrers die Grüße der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde der Ruhrstadt überbracht. Bei dieser Gelegenheit fragte mich ein Vater eines behinderten Jungen: „Wer übernimmt in Zukunft die Konfirmation unserer Kinder?“



Das war ja eine fast schon revolutionäre Frage, denn in Deutschland wurden bis dato selten Behinderte von der evangelischen Kirche konfirmiert.
    Die Frage hatte mich damals sehr bewegt, zumal ich in meinem Grußwort gesagt hatte: „Es ist ein Gütezeichen einer städtischen Gemeinschaft, was sie für die Schwächsten ihrer Bürger tut.“ Aus diesem Grunde sprach ich dann mit dem ehrenamtlichen Geschäftsführer der Lebenshilfe und bat ihn, beim Presbyterium der Kirchengemeinde einen seelsorgerlichen Auftrag für behinderte Wittener für mich zu erwirken.“

Was passierte dann, was muss man sich unter diesem „Auftrag“ vorstellen?
    Ich begann bei meinen wöchentlichen Besuchen auf dem Helenenberg mit Gesang und stellte fest, dass die behinderten Menschen gerade darauf gut ansprachen. „Weil ich Jesu Schäflein bin“ war das erste gemeinsame Lied in unserer Runde. Als zweites Hilfsmittel verwandte ich ein Bilderbuch mit Geschichten aus dem Leben Jesu, die man schön ausmalen konnte. Und siehe da: Auch das kam gut an.

Wie groß war diese Runde, und wie alt waren die Jugendlichen?
    Sie bestand aus 15 bis 20 Personen, und die ältesten waren sogar schon fast 20 Jahre alt. Und natürlich wurden diese Konfirmanden in meiner Kirche alle zwei Jahre konfirmiert. Anfangs noch in einem Extra-Gottesdienst nur mit Eltern und Freunden, kurze Zeit später dann jedoch im Sonntagsgottesdienst mit der gesamten Gemeinde.

Das ging dann so regelmäßig weiter bis zum Jahr 1983, als Sie eine neue Pfarrstelle in Velbert-Nierenhof antraten, die rund 25 Kilometer von Witten entfernt war. Dennoch brach dieser Kontakt zur Lebenshilfe und den Behinderten in Witten nicht ab. Wieso nicht?
    Der Auftrag und diese besonderen Menschen waren mir inzwischen so wichtig geworden, dass ich die Arbeit sowohl mit Konfirmanden als auch mit Älteren, die jetzt in der Werkstatt arbeiteten, zweigleisig fortsetzen wollte. Es hatte die Lebenshilfe nämlich eine neue Werkstatt in Witten im selben Jahr eingerichtet, so dass ich auch dorthin regelmäßig meine Betreuung ausdehnte.

Wie laufen die wöchentlichen Treffen dort ab?
    Es handelt sich dabei um eine gottesdienstliche Feier mit Gesang und Auslegung eines Bibelwortes, Gebet und Vaterunser, was also insgesamt deutlich über eine Andacht hinausgeht. Durchschnittlich sind es 40 bis 50 Frauen und Männer, die in den Speiseraum der Werkstatt kommen. Jedes Jahr gibt es zwei Höhepunkte in meinen Dienst: Einmal der Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstag und die Weihnachtsfeier am Schluss des Arbeitsjahres.

Gibt es auch Gottesdienstbesucher, die sich musikalisch einbringen?
    Einer begleitet unseren Gesang mit der Melodika, ein anderer bringt immer seine Mundharmonika mit. Übrigens: Mir ist wichtig hier zu erwähnen, dass meine Arbeit grundsätzlich konfessionsübergreifend geschieht.

Pastor Riedesel, Sie haben nun 40 Jahre diesen Dienst - auch inzwischen als Pensionär – sicher immer gerne getan. Was hat Sie am meisten dabei in den vier Jahrzehnten bewegt?
    Nirgendwo werde ich so herzlich begrüßt wie in der SoVD-Lebenshilfe Werkstatt. Es ist hier für mich immer eine ganz besondere Gemeinde und Gemeinschaft gewesen. Hier bekomme ich persönlich so viel menschliche Zuneigung, die ich in meinem Leben gar nicht mehr verteilen kann.

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