Mittwoch, 12. Februar 2003

Funkstille im Ennepe-Ruhr-Kreis?

Von Christian Lukas

Die Radiolandschaft Nordrhein-Westfalens ist keine frei prosperierende. Das Landesmediengesetzt schreibt vor, dass in jeder freien Stadt beziehungsweise in jedem Kreis nur ein privater Sender sein Programm terrestrisch verbreiten darf. Diese Vorgabe ist schon eng gefasst, dennoch ist es der Landesregierung Anfang der 90er Jahre, als die Radios ihren Sendebetrieb aufnahmen, gelungen, dieses Vorgabenkorsett noch enger zu schnüren als es schon ist. Sie hat seinerzeit nämlich den jeweils größten Zeitungsverlagen vor Ort das Recht eingeräumt, als erste ein Angebot für einen lokalen Sender abgeben zu dürfen. Im Ruhrgebiet war dies natürlich die Waz. Diese gründete kurzerhand die Westfunk – und versorgt seither die Ruhrstadt mit Lokalprogrammen.


Was niemand bedacht hat: Nur weil ein Verlag mit seinen Printprodukten Erfolge feiert, muss er vom Radiomachen längst keine Ahnung haben. Und fast wäre es Ende letzten Jahres passiert: Zum ersten Mal in der Geschichte des Lokalfunks im Ruhrgebiet hätte ein Sender seinen Sendebetrieb einstellen müssen: „Radio EN“, der Sender des Ennepe-Ruhr-Kreises mit Sitz im beschaulichen Gevelsberg.

In einer Machbarkeitsstudie im Auftrag der Landesrundfunkanstalt (heute Landesmedienanstalt, LfM), die vor zwölf Jahren in Auftrag gegeben worden ist, wurden dem Sender, nach einer Etablierungsphase, Einnahmen in Höhe von 1,3 bis 1,5 Millionen Euro prognostiziert. Tatsächlich erwirtschaftete der Sender zum Schluss aber pro Jahr Verluste von bis zu einer halben Millionen Euro. Versuche, die Kosten zu senken, so wurde die gesamte Technik von Gevelsberg zum Schwestersender „Radio Hagen“ verlegt, erwiesen sich als Rohrkrepierer. Und die angespannte Lage am Anzeigenmarkt machte sich bei „Radio EN“ besonders bemerkbar. Der Kreis ist für die Werbenden offenbar uninteressant, Wittener interessieren sich nicht für Gevelsberg, Ennepetaler nicht für Herdecke und Sprockhöveler nicht für Wetter. „Dies ist besonders ärgerlich, haben wir in den letzten Jahren massiv Hörer dazu gewonnen,“ ärgert sich Ex-Chefredakteurin Gabi Gerling. Hatte „Radio EN“ 1999 noch eine Quote von 14,8 Prozent (und war damit Schlusslicht unter den NRW-Lokalradios), hat der Sender diese Zahl in 2002 auf bis zu 19 Prozent mit einem frecheren, informativeren Kreisprogramm steigern können.

Doch nun beginnt die Geschichte, bizarr zu werden. Die Veranstaltergemeinschaft (VG) des Senders suchte ab Ende Oktober, nach der Kündigung der Westfunk, eine neue Betriebsgesellschaft. Zur Erklärung: Der Lokalfunk steht in NRW auf den so genannten zwei Säulen. Auf der einen Seite steht eine VG, im EN-Kreis ein eingetragener Verein, dem unter anderem Vertreter der Verlage, der Kirchen, Gewerkschaften und anderen, so genannten gesellschaftlich relevanten Gruppierungen angehören. Diese VG hat von der Landesanstalt für Medien eine Lizenz erhalten, mit der ein Sender betrieben werden darf. Auf der anderen Seite steht die Betriebsgesellschaft (BG), ein kommerzielles Unternehmen, das den Sendebetrieb finanziert und mit diesem auch Geld verdienen will. In diesem Fall also die Westfunk, die ihre Verträge aber gekündigt hatte. Und siehe da: Ein Wunder geschah. Aus Baden-Württemberg kam ein Zeichen der Hoffnung!

„Sunshine live“ hieß der Sender aus Schwetzingen, der an den Frequenzen von „Radio EN“ Interesse zeigte und dem Kreis ein glückliches Radioleben versprach. „Sunshine greift die Nachbarn an“, titelte die Wittener Ausgabe der Ruhr Nachrichten denn auch am 5. Dezember 2002. Und das nicht ohne Grund: „Sunshine live“, ein auf ein jüngeres Publikum orientierter Sender, der neben einem Lokalprogramm in Baden-Württemberg ein bundesweit zu empfangendes Kabelprogramm ausstrahlt, wollte vor allem die tatsächlichen Reichweiten nutzen. Bekanntlich machen Sendestrahlen ja nicht an Stadtgrenzen halt und die Frequenzen von „Radio EN“ können theoretisch 1,8 bis 2 Millionen Hörer erreichen. Dazu gehören 75 Prozent der Bevölkerung Dortmunds, 65 Prozent von Essen und fast 100 Prozent von Bochum. Und das sind attraktive Werbemärkte.

Um diesen Markt auszuloten, sollten fünf weitere Anzeigenberater eingestellt und 1,5 Mio Euro in den Sender investiert werden. Keine Entlassungen, ja Neueinstellungen im Zeitalter der Verlagskrise? Ausgerechnet der verschlafene Ennepe-Ruhr-Kreis als Vorreiter eines neues Radiozeitalters in NRW?

Dieser Traum war aber auch wirklich zu schön. Und natürlich wurden die bereits vorliegenden Verträge nicht unterzeichnet. Was ist passiert? „Sunshine live“ gehört der RNO GmbH, diese wiederum ist eine Tochter der Medienunion, die kürzlich erst einen Teil der „Süddeutschen Zeitung“ erstanden hat. RNO gehört außerdem unter anderem dem süddeutschen „Radio NRJ“ und dem K.F.Schimper Verlag aus Baden-Württemberg. Einer dieser Anteilseigner, offizielle Stellungsnahmen liegen keine vor, hat nun dem Geschäftsführer von „Sunshine live“, Ulrich Hürter, der den Deal eingestielt hat, die Gefolgschaft verweigert.

War dies das Aus?

Mitnichten. In einer Sitzung der Veranstaltergemeinschaft wurde am 23. Dezember 2002 jedoch überraschend ein Vorschlag akzeptiert, der es „Radio EN“ erlaubt, nun doch weiter zu senden. Hat „Radio EN“ bislang fünf Stunden eigenes Programm produziert (von 6 bis 9 Uhr und von 16 bis 18 Uhr), fällt die Nachmittagsschiene nun weg. Die restlichen, immerhin 20 Stunden, werden vom Oberhausener Rahmenprogramm „Radio NRW“ gefüllt. Darüber hinaus wurde die Redaktion in Gevelsberg geschlossen und nach Hagen verlagert. Und natürlich wurden keine neuen Mitarbeiter eingestellt, sondern es wurde entlassen! Statt sieben Redakteure und einer Verwaltungskraft arbeiten in Hagen nun ein Chefredakteur, ein Redakteur, ein Volontär und eine halbe Büroskraft. Wer den Sender nun betreibt? Die Westfunk, jene Waz-Tochter, die mit ihrer Kündigung der Sendeverträge das Hickhack erst in Gang gesetzt hat.

Der Vorsitzende der VG, Wolfgang Lange, ist nach diesem von der Veranstaltergemeinschaft mit einer 2/3-Mehrheit gefällten Kompromiss, von seinem Posten zurückgetreten. „Ich habe gegen diesen Kompromiss gestimmt, da auf dieser Art und Weise auf lange Sicht kein Radio für den Kreis zu machen ist,“ erklärt er wütend. Ohne eine spezielle Genehmigung der LfM, ein dreistündiges Programm fahren zu dürfen, hätte „Radio EN“ den Betrieb einstellen müssen. Aber eine solche Genehmigung war Formsache, denn hätte die LfM keine Genehmigung erteilt, wäre das in Deutschland einmalige und unter Radiomachern umstrittene Zweisäulen-Modell ins Wanken geraten. Ein weißer Fleck auf der Radiolandkarte, und das ausgerechnet im einst als werbefreundlich eingestuftem Ruhrgebiet – und weitere Radioschließungen hätten die Radiolandschaft im Lande erschüttert, schreiben doch fast alle Westfunk-Sender rote Zahlen. Doch in einem Gespräch zwischen Vertretern der LfM und der Waz hinter verschlossenen Türen, wurde ein Kompromiss erzielt, der im Endeffekt nur eines aussagt: Alles bleibt, wie es ist. Die LfM freut sich, da eine Pleite abgewendet werden konnte und das Prinzip, „eine Stadt bzw. ein Kreis = ein Sender“, nicht in Frage gestellt wird, die Westfunk indes hat verhindert, dass sich ein Konkurrent um Werbekunden im eigenen Verbreitungsgebiet einnistet. Tatsächlich hat im Hause Westfunk offenbar niemand damit gerechnet, dass der abgelegene Ennepe-Ruhr-Kreis für auswärtige Radiobetreiber von Interesse sein könnte. Die bereits angesprochenen tatsächlichen Frequenz-Reichweiten hatte man im Stammhaus in Essen anscheinend übersehen. Dass für den gefundenen Kompromiss das Gesetz gebeugt wird, das eigentlich vorschreibt, dass ein Lokalsender seine Redaktion innerhalb der Stadt- bzw. Kreisgrenzen betreiben muss, wurde großzügig übersehen.

Die Zukunft für „Radio EN“ sieht dennoch nicht rosig aus. So stehen „Radio EN“ im Jahr 2003 für freie Mitarbeiter 25.000 Euro zur Verfügung (gegenüber 70.000 in 2002). Das sind gerade einmal rund 68,50 Euro pro Tag. Wie viele Berichte lassen sich für eine solche Summe in einem aus neun Städten bestehenden Kreis, von Breckerfeld im tiefsten Süden an der Grenze zum Sauerland bis Witten-Stockum an der Nordgrenze zu Dortmund, pro Tag produzieren, wenn man beispielsweise zwei bis drei Stunden Arbeit für einen Bericht einkalkulieren muss?

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